VEREINSMEIEREI

Das deutsche Vereinswesen ist schon etwas Besonderes.

Nicht überall sind neue Ideen, unverblümte Äußerungen, klare Meinungen erwünscht.

So erging es kürzlich den BERLINER EURASIER-SCHNAUZEN

.......was uns zu der unten stehenden Polemik veranlasst hat:

...nun ja: Wir schnüffeln und markieren natürlich weiter!!!

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Die vier Entwicklungsstadien eines deutschen Hundezuchtvereins

 

(eine realsatirische, kynologisch-wissenschaftliche Polemik)

 

 

1. Wie alles beginnt:

 

Gestandene Persönlichkeiten (ob Schafhirte, Einsiedler, Jäger, Verhaltensforscher oder

andere Halter) entwickeln einen Bedarf (das ist ein mit Kaufkraft versehenes Bedürfnis),

der auf Hunde mit bestimmten Eigenschaften gerichtet ist. Geduld, Kenntnisse, Erfahrung,

Phantasie und Zielstrebigkeit führen dazu, dass eine neue „Rasse“ entsteht; Hunde also,

die diesem Bedarf entsprechen.

 

Diese Zusammenarbeit Fähiger und Interessierter führt eines Tages zur Vereinsgründung.

Um mit Hildegard Knef zu sprechen: “Von nun an geht´s bergab.“

 

 

2. Der Verein (nicht unbedingt die Hunde) entwickelt sich:

 

Weniger Fähige und im wirklichen Leben nicht ganz so Gefestigte „machen mit“. Sie sind

willkommen, da man sich über Gleichgesinnte und Unterstützung natürlich freut. Der

Organisationsaufwand steigt. Pöstchen entstehen. Man braucht einen „Vorstand“,

Schriftführer, Schatzmeister und alle möglichen „Beauftragten“. Tolle Titel (möglichst mit

„...meister“, „...wart“ oder „...leiter“) können kreiert werden, Hierarchien sind konstruierbar,

neue Aufgaben werden gefunden, es kann eine „Karriere“ geben, sogar „Berufe um die

Rasse“ werden ernsthaft erdacht und empfunden.

 

Einfache (also dumme und uninformierte) können von gehobenen, mit Wichtigkeit

ausgestatteten Mitgliedern unterschieden werden. Begriffe wie Sitzungen, Ausschüsse,

Protokolle, Beschlüsse, Dienstreisen, Schulungen, Prüfungen, Chef, Mitarbeiter und

Weisungsbefugnis tauchen auf und erhalten zentrale Bedeutung. Ganz wichtig ist die

Möglichkeit, Spesen (besser noch Aufwandsentschädigungen) abzurechnen! Vielleicht

kann man ja sogar ganz bedeutsam einmal auf fremde Kosten im Zuge der Globalisierung

bis nach Nord-Österreich reisen.

 

Immer mehr Menschen, denen der Verein als (oft einzige) Chance und Möglichkeit zur

Bedürfnisbefriedigung (Bedürfnisse sind im Gegensatz zum Bedarf zwar allgegenwärtig,

aber eben nicht mit Kaufkraft versehen) erscheint, stoßen hinzu. Zunächst unmerklich,

dann immer schneller stellen sie die Mehrheit „aktiver“ Mitglieder. Unvermeidlich ist in

diesem Stadium neben typischem Platzhirschverhalten das, nicht unbedingt

geschlechtsspezifische, Stutenbeißen, gerne ergänzt mit permanentem Zickenalarm.

 

Immer mehr Vereinsmitglieder, die (auch) im wahren Leben über Selbstbewusstsein und

Erfüllung verfügen, wenden sich je nach Temperament erheitert und mit den Schultern

zuckend oder aber mit Grausen ab und wichtigen Dingen zu. Der Prozess beschleunigt

sich.

 

 

3. Der Verein ist saturiert:

 

Im Zentrum jeglicher (Schein-) Diskussion steht jetzt „die Rasse“, wahlweise auch „die

gemeinsame Sache“. Leerformeln werden zu Lehrformeln. Der Hund ist nur noch

Funktionsträger (Deckrüde, Zuchttier, Champion u. ä.) und als Hundeindividuum eher

lästig: Er macht Arbeit, hat Halter, bellt und will sich vielleicht von Wildfremden nicht ins

Maul und an die Geschlechtsteile fassen lassen oder stumpfsinnig im Kreis

herumlatschen.

 

Das „Vereinsleben“ versinkt darin, in selbstverliebtem Größenwahn über andere

Lebewesen (Tiere und Menschen) zu „richten“, wahlweise Freude oder Verzweiflung zu

„spenden“,“Standards“ für die Schöpfung zu erfinden, und sich im Kreis gleichgesinnter

Schmaldenker an und mit „wissenschaftlichen“ Ergüssen zu befriedigen.

 

Durch Zellteilung (z.B. Vereinsgliederungen oder -neugründungen) lassen sich sowohl das

Potenzial an Scheinproblemen als auch die Pöstchen-Anreize nahezu beliebig erweitern.

 

 

4. Realitätsverlust als (vorläufiger) Höhepunkt der Entwicklung:

 

Die qualitative Ausdünnung des Vereins“personals“ geht einher mit personeller Kontinuität

in den Organen. Aus Engagement wird absolute Identifikation. Aus oben beschriebenen

Gründen wird es erforderlich, weitere begriffliche Aufwertungen zu verwenden. Aus der

Suche nach willfähigen Menschen, die die notwendige (Organisations-) Arbeit

übernehmen, wird „Personalentwicklung“, die vielleicht sogar „Quereinsteigern“ eine

„Chance“ gibt. Für die „Geschäftsbereiche“ ist die „Stellenbeschreibung“ unverzichtbares

Führungsinstrument. Die Tätigkeit im (nicht unbedingt „für“ den) Verein wird zum „Dienst“.

Es wird „Öffentlichkeitsarbeit“ geleistet, der Vorstand „erwartet“ von seinen „Mitarbeitern“,

die Positionen des Vereins (!) gegenüber (!!) den Mitgliedern (!!!) loyal (!!!!) zu vertreten.

 

„Funktionsträger“ beginnen, von sich in der dritten Person zu sprechen und halten eigene

Meinungen / Vorurteile für die Wirklichkeit. Abweichende Positionen erfüllen den

Tatbestand der Majestätsbeleidigung: sie sind „vereinsschädigend“ oder stellen

„Rechtsbrüche“ dar. Gerne werden Begriffe aus der Betriebswirtschaft (siehe oben) oder

Juristerei kenntnisfrei übernommen und in Zusammenhänge gezwungen, die außerhalb

des Vereinsbiotops ungläubiges Kopfschütteln und / oder grosse Heiterkeit auslösen.

 

Mit lächerlichen Auseinandersetzungen befasste Gerichte schreiben Urteilsbegründungen,

die für alle streitenden Parteien im Grunde schallende Ohrfeigen darstellen. Der jeweilige

„gefühlte Sieger“ entblödet sich jedoch nicht, voller Stolz seine Erfolge zu publizieren.

 

 

Fazit?

 

1. Wir brauchen als schnelle Eingreiftruppe einen Vereins-Super-Nanny-Verein, der

ausgeflippte, spätpubertierende Vereinsfunktonärinnen und -funktionäre zur

Bauchlandung mit Bodenkontakt für einige Stunden in die Ruhe-Schäm-Ecke schickt.

 

2. Wir brauchen das Vereinswesen. Wir brauchen es, weil es sonst (noch) mehr frustrierte

Menschen gäbe. Wir brauchen es, weil es potenziell destruktive Kräfte in vergleichsweise

harmlose Bahnen lenken kann. Wir brauchen es, weil sein Unterhaltungswert nicht

unterschätzt werden sollte.

 

Wir brauchen es, weil es trotz allem nebenbei auch inhaltlich

sinnvolle Aufgaben zu erfüllen vermag.

 

 

(C/ Michael Berger + Gabriele Langowski-Berger)